AstroLadies holen Silber nach dramatischem Overtime-Finale
Bochum fordert Hauptrundensieger Leverkusen bis zur letzten Sekunde, verliert das Endspiel des FINAL4 aber hauchdünn mit 78:80
Die VfL VIACTIV-AstroLadies Bochum haben im Finale des FINAL4 der TOYOTA 2. Damen-Basketball-Bundesliga nach großem Kampf die Silbermedaille gewonnen. Gegen die WINGS Leverkusen unterlag das Team von Headcoach Mario Zurkowski in Göttingen erst nach Verlängerung mit 78:80. Nach einem schwachen Start drehte Bochum die Partie mit einem überragenden zweiten Viertel, führte zur Halbzeit 45:36 und hielt das Endspiel trotz großer personeller Rückschläge bis zum letzten Angriff offen.
Die Enttäuschung war unmittelbar nach der Schlusssirene spürbar. Und doch war dieses Finale vor allem eines: ein weiterer Beleg dafür, wie außergewöhnlich sich diese Mannschaft in den vergangenen Monaten entwickelt hat. Gegen Leverkusen, den dominanten Hauptrundenersten der Nord-Staffel mit nur einer Niederlage in der regulären Saison, lieferten die AstroLadies ein Endspiel auf Augenhöhe, kämpften sich immer wieder zurück und waren bis zum letzten Wurf ganz nah dran am Titel.
Schwieriger Start gegen starke WINGS
Die WINGS erwischten den deutlich besseren Auftakt und setzten Bochum sofort unter Druck. Leonie Kampes eröffnete mit einem Dreier zum 3:0, Tessa Brugler legte nach, und weil die AstroLadies offensiv zunächst kaum in einen Rhythmus fanden, stand nach nicht einmal zweieinhalb Minuten bereits ein 10:0 für Leverkusen auf der Anzeigetafel. Früh wurde auch deutlich, wie schwer dieses Finale körperlich werden würde: Cecelia Collins, Laura Knaup, Lisa Kullik und Faith Dut gerieten schon in der Anfangsphase in Foulprobleme.
Kaja Scheller (Nr. 5) attackiert im Finale gegen die WINGS Leverkusen. Sie erzielte 4 Punkte für die AstroLadies Bochum. (Foto: Dominik Voh)
Bochum brauchte einige Minuten, um sich in die Partie zu arbeiten. Knaup traf den ersten Bochumer Dreier zum 3:10, Marija Ilic verkürzte später auf 5:10, und als Kaja Scheller auf 8:11 stellte, war das erste Signal gesetzt, dass die AstroLadies das Spiel nicht aus der Hand geben wollen. Dennoch blieb Leverkusen zunächst stabiler. Brugler bestimmte die Aktionen unter dem Korb, Lisa Arz traf von außen zum 19:12, und auch in der Schlussphase des Viertels blieben die WINGS das klarere Team. Nach zehn Minuten lag Bochum mit 12:20 zurück.
Ein überragendes zweites Viertel dreht das Spiel
Was danach folgte, war die vielleicht stärkste Bochumer Phase des gesamten FINAL4. Zwar erhöhte Amelie Kröner zunächst noch auf 22:12 für Leverkusen, doch dann kippte die Partie komplett. Collins und Ilic verkürzten auf 16:22, Bochum verteidigte nun viel aggressiver, gewann mehr Duelle und nahm den WINGS den offensiven Rhythmus. Selbst ein frühes Timeout Leverkusens beim 22:16 änderte daran zunächst nichts.
Schritt für Schritt arbeiteten sich die AstroLadies heran. Collins verkürzte von der Linie, Lena Bjeltschik traf, und als Kullik bei noch 6:18 Minuten den Jumper zum 25:24 verwandelte, war Bochum wieder ganz dran. Kurz darauf fiel durch Collins nach Assist von Ilic die erste Bochumer Führung, und spätestens als sie wenig später mit zwei Dreiern zum 28:24 und 31:27 nachlegte, war das Momentum klar auf Bochumer Seite.
Leverkusen kämpfte sich beim 31:31 noch einmal zurück, doch die AstroLadies blieben im Fluss. Knaup traf von außen zum 34:31, Ilic erhöhte auf 36:32, Collins und Knaup punkteten weiter, Lotta Morsbach traf zum 42:34, und 13 Sekunden vor der Pause setzte Laura Barroso Perez mit dem Dreier zum 45:36 den perfekten Schlusspunkt unter einen furiosen Abschnitt. Bochum gewann das zweite Viertel mit 33:16 und drehte das Finale eindrucksvoll.
Leverkusen kommt nach der Pause Schritt für Schritt zurück
Nach dem Seitenwechsel blieb Bochum zunächst vorne. Collins traf zum 47:38, Ilic erhöhte auf 49:40, und als Dut nach Vorarbeit von Ilic auf 51:44 stellte, schien Bochum die Partie zunächst weiter gut im Griff zu haben. Auch Collins legte noch einmal nach und stellte auf 53:44.
Doch Leverkusen arbeitete sich nun mehr und mehr zurück. Natalie Villaflor traf zum 49:53, Brugler verkürzte weiter, und die Bochumer Offense verlor zunehmend an Klarheit. Mehrere Ballverluste gaben den WINGS die Gelegenheit, das Spiel wieder zu öffnen. Gleichzeitig wurde das Foulproblem der AstroLadies immer schwerwiegender: Collins kassierte im dritten Viertel bereits ihr drittes und später ihr viertes Foul.
Leverkusen nutzte diese Phase konsequent. Villaflor traf erneut und plötzlich war das Bochumer Polster fast vollständig aufgebraucht. Immerhin fand Bochum vor dem Viertelende noch eine wichtige Antwort: Dut traf 50 Sekunden vor der Sirene zum 55:54. So nahmen die AstroLadies trotz eines verlorenen Viertels noch eine knappe Führung mit in die letzten zehn Minuten.
Krimi im Schlussviertel
Faith Dut (Mitte) wird von zwei Leverkusenerinnen unter Druck gesetzt. Bochums Centerspielerin hatte einen schweren Stand im Finale und schied im vierten Viertel mit dem fünften Foul aus. (Foto: Dominik Voh)
Das vierte Viertel wurde zu einem echten Endspielkrimi. Die Partie wogte nun hin und her. Dann wurde es auch personell dramatisch. Dut, die schon seit der ersten Halbzeit mit Foul Trouble spielte, geriet in einer umkämpften Szene nach einem Pfiff in einen Ballkampf mit Brugler. Dut riss den Ball so energisch an sich, dass Brugler dabei zu Boden ging. Die Schiedsrichter werteten die Szene als unsportliches Foul. Dut musste Mitte des vierten Viertels vom Feld. Für Bochum war das ein schwerer Schlag. Für sie sprang Bjeltschik fortan in die Bresche.
Und doch kämpften die AstroLadies weiter. Collins glich zum 64:64 aus, Ilic brachte Bochum mit dem Korbleger zum 66:64 wieder nach vorne, Kendra Parra antwortete direkt zum 66:66. Dann traf Kullik 1:24 Minuten vor dem Ende den wichtigen Wurf zum 68:66 für Bochum. Die Ausgangslage schien günstig, doch Leverkusen hatte noch eine Antwort: Brugler stellte 33 Sekunden vor dem Ende auf 68:68. Bochum bekam in der Schlussphase noch die Chance auf den Sieg in regulärer Spielzeit, brachte den letzten Wurf aber nicht unter. Das Finale ging in die Verlängerung.
Overtime auf Messers Schneide
Die Overtime begann aus Bochumer Sicht denkbar bitter. Bereits nach 18 Sekunden kassierte Collins ihr fünftes Foul und musste ebenfalls vom Feld. Damit verlor Bochum zu Beginn der Verlängerung auch noch seine Topscorerin und wichtigsten Anker unter dem Korb. Olivia Okpara traf zum 70:68 und verwandelte nach dem Foul auch den Bonusfreiwurf zum 71:68. Doch die AstroLadies reagierten beeindruckend. Knaup verkürzte an der Linie auf 70:71, Bjeltschik traf zum 72:74, und Scheller glich nach energischem Drive mit dem Korbleger zum 74:74 wieder aus. Bochum fing den Ausfall von Collins zunächst stark auf.
Auch danach blieb es völlig offen. Kullik traf zwei Freiwürfe zum 76:77, und als Bjeltschik nach Assist von Ilic den Korbleger zum 78:77 verwandelte, waren die AstroLadies wieder vorne. Doch auch Leverkusen antwortete erneut. Parra glich erst aus und brachte die WINGS später wieder in Führung.
Bochum bekam in den letzten Sekunden trotzdem noch die Chance, das Spiel zu drehen. Zehn Sekunden vor dem Ende nahm Barroso Perez den Midrange-Jumper, der schon fast gefallen schien, dann aber doch wieder aus dem Korb sprang. Bjeltschik sicherte stark den Offensivrebound und kam unter Druck selbst noch zum Korbleger, der ebenfalls nur knapp sein Ziel verfehlte. Genau diese beiden Szenen zeigten, wie unfassbar nah Sieg und Niederlage in diesem Finale beieinanderlagen. Am Ende blieb es beim 78:80.
Topscorerinnen und entscheidende Leistungen
Tragische Heldin: Bochums Cecelia Collins war nicht nur überragende Topscorerin der Hauptrunde in der 2. DBBL Nord, sondern mit 26 Punkten auch Topscorerin im Finale. In der Overtime war sie aufgrund des fünften Fouls zum Zuschauen verdammt. (Foto: Dominik Voh)
Beste Werferin der AstroLadies war Cecelia Collins mit 26 Punkten. Dazu sammelte sie 9 Rebounds und 2 Assists, ehe sie zu Beginn der Overtime mit fünf Fouls vom Feld musste. Marija Ilic zeigte mit 13 Punkten, 5 Rebounds, 6 Assists, 3 Steals und 2 Blocks eine starke Allround-Leistung. Laura Knaup kam auf 11 Punkte, 4 Rebounds, 3 Assists und 3 Steals. Lena Bjeltschik erzielte 6 Punkte und griff 5 Rebounds ab, Kaja Scheller steuerte 4 Punkte bei, Lisa Kullik 7 Punkte und 4 Rebounds, Laura Barroso Perez 5 Punkte, Faith Dut 4 Punkte und 5 Rebounds.
Bei Leverkusen war Tessa Brugler mit 24 Punkten und 12 Rebounds die prägende Spielerin des Finals und wurde folgerichtig als MVP des FINAL4 ausgezeichnet. Kendra Parra kam auf 18 Punkte und 6 Assists, Natalie Villaflor auf 16 Punkte. Leonie Kampes steuerte 7 Punkte, Amelie Kröner 6 und Olivia Okpara 5 Zähler bei.
Diese Niederlage schmälert die Saison nicht
Dass Bochum dieses Endspiel bis in die letzte Sekunde offenhalten konnte, war angesichts der Umstände besonders bemerkenswert. Mit Julia Martin und Ramona Tews fehlten bereits zwei langzeitverletzte Starterinnen. Im Finale selbst verlor Bochum dann Mitte des vierten Viertels Faith Dut und gleich zu Beginn der Overtime auch noch Cecelia Collins. Dass die AstroLadies unter diesen Bedingungen trotzdem bis zuletzt alle Chancen auf den Titel hatten, spricht sehr deutlich für die Qualität, Mentalität und Geschlossenheit dieser Mannschaft.
Bemerkenswert war auch, wer in der Overtime Verantwortung trug: Mit Laura Knaup (17), Marija Ilic (19) und Lena Bjeltschik (17) standen gleich drei junge Talente und U-Nationalspielerinnen in der Crunchtime eines Finales auf dem Feld. Dass Bochum in einem solchen Moment auf diese Spielerinnen setzen konnte, zeigt eindrucksvoll, wie stark sich die jungen Kräfte der AstroLadies im Verlauf dieser Saison entwickelt haben.
Headcoach Mario Zurkowski fasste genau das nach dem Spiel in starke Worte: „Ich bin unfassbar stolz auf die Entwicklung der Mannschaft. Wie wir es gemeinsam geschafft haben, uns zu finden und füreinander zu kämpfen. Ich empfinde Stolz und Dankbarkeit darüber, wie wir die Saison gespielt haben und Silber gewonnen haben und bin meinem Staff und den Spielerinnen dankbar, die Teil dieser wundervollen Reise waren.“
Die Enttäuschung stand kurz nach der Schlusssirene auch Bochums Teamcaptain Lisa Kullik ins Gesicht geschrieben. Später konnte das Team sich aber über den zweiten Platz freuen und ausgiebig feiern. (Foto: Dominik Voh)
Auch Teamkapitänin Lisa Kullik fand passende Worte für die Mischung aus Schmerz und Stolz: „Wir können mehr als stolz auf das Erreichte sein – beinahe den Titel erneut geholt zu haben. Die Enttäuschung unmittelbar nach dem Spiel in den Gesichtern hat gezeigt, wie viel uns das bedeutet hat, weil wir über die gesamte Saison so viel gegeben und investiert haben, auch außerhalb der Spiele. Wir konnten uns kurz nach der ersten Enttäuschung dann aber doch sehr freuen und ausgiebig den zweiten Platz feiern.“
Fazit
Diese Niederlage tut weh, weil der Titel greifbar nah war. Aber sie ändert nichts daran, dass die AstroLadies eine außergewöhnliche Saison gespielt haben. Als Vierter der Nord-Staffel kämpfte sich Bochum bis ins Finale des FINAL4, bezwang auf dem Weg dorthin die Falcons Bad Homburg und die gastgebenden BG74 Veilchen Ladies Göttingen und bot dem großen Favoriten WINGS Leverkusen ein Endspiel auf absoluter Augenhöhe.
Das Finale war damit auch ein Spiegel dieser Saison: Rückschläge, Comeback-Qualitäten, Widerstandskraft und ein Team, das sich immer wieder aufgerichtet hat. Silber statt Gold ist in diesem Moment bitter. Gleichzeitig ist diese Medaille Ausdruck einer Mannschaft, die sich in dieser Spielzeit gefunden, entwickelt und zusammen Außergewöhnliches erreicht hat. Nur Zentimeter trennten die AstroLadies am Ende von der Titelverteidigung.
Der Spielbericht wird präsentiert von unserem Partner Fahrrad XXL Hürter.